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TREFFPUNKT ERASMUS

Wahrscheinlich gab es zu DDR-Zeiten kein Kind, das nicht eines der von Werner Klemke illustrierten Bücher im Regal hatte. Sein „Hirsch Heinrich“ oder der Klemkesche Kater, der die monatlich erscheinende Zeitschrift „Das Magazin“ zierte, sind gewiss heute noch vielen ein Begriff. Kaum ein Meisterwerk, dem Klemke nicht seine zeichnerische Signatur verliehen hat, von Homer über Voltaire, Kleist und Balzac bis hin zu Brecht und Faulkner.

Das espritgeladene Berliner Zeichneroriginal war für seine scharfe Feder ebenso bekannt wie für seine Gastfreundlichkeit und seinen warmherzigen Humor. Was jedoch niemand wusste, war, welche erstaunliche Rolle dieser bescheidene ältere Herr als junger Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg in Holland gespielt hatte.

In dem Amsterdamer Buchladen Erasmus lernte Klemke den deutschen Kameraden und Fotografen Johannes Gerhardt kennen. Die jungen Männer erkannten sich sofort als Gleichgesinnte, die von den Taten der deutschen Besatzer in Holland entsetzt waren. Über ihre Freunde Evie de Jong-van Perlstein und deren Partner Mels de Jong, die in demselben Buchladen verkehrten, bekamen die beiden Kontakt zum holländischen Widerstand. Der feinsinnige Klemke, der von sich selbst auch später noch behauptete, für den gefährlichen Widerstand sei er doch viel zu albern gewesen, half, womit er es am besten vermochte: Der gelernte Grafiker fälschte Dokumente. Dem von der Deportation bedrohten jüdischen Handelsunternehmer Sam Perlstein, prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde Bussum, verschaffte er auf diese Art einen arischen Vater sowie Dokumente für drei arische Großeltern. Perlstein und seine Familie durften daraufhin den gelben Stern ablegen und konnten sich wieder frei bewegen. Klemke zinkte Taufscheine, Heiratsurkunden und Lebensmittelmarken und trug dazu bei, dass über 300 Juden, die vom Bussumer Widerstand in Bauernhäusern der Umgebung versteckt gehalten wurden, überleben konnten.

Die holländische Filmemacherin Annet Betsalel setzt sich in ihrem bewegenden Dokumentarfilm mit Klemkes Einsatz für den niederländischen Widerstand auseinander. Zusammen mit den Kindern Klemkes begibt sie sich auf eine spannende Reise und auf die Suche nach einer vergessenen Geschichte von Mut und Menschlichkeit.

Annet Betsalel ist eine niederländische Regisseurin und Dokumentarfilmerin. Ihr Projekt „Treffpunkt Erasmus“ finanzierte sie zu großen Teilen selbst. Das Ergebnis ist ein einfühlsamer Film über das außergewöhnliche Engagement eines bescheidenen und aufrechten Menschen.

Screenings: 
Mittwoch, 15. Juni 19:30 Brandenburger Theater Tickets
Credits: 

Niederlande 2014, Dokumentarfilm, Weltpremiere
99 min, niederländisch/englisch/deutsch mit deutschen Untertiteln
Regie und Buch: Annet Betsalel
Produktion: Juan Morales Calvo
Kamera: Michael Ballak

Festivals: JFFB 2015